Der Osiris-Mythos

D
ie Theologie des Todes: Isis und Osiris

 

Nur wenige ägyptische Mythen sind so bekannt oder hatten solchen Einfluss auf westliches Denken wie jener der Heilsgottheiten Isis und Osiris. Zahlreiche Verweise auf die Taten dieser Götter finden sich in Hymnen, Gebeten und Totenliteratur, und dennoch – vielleicht weil den Ägyptern die Geschichte so vertraut war – verdanken wir der griechischen Adaption von Plutarch (De Iside et Osiride) die längste Abhandlung über diesen Mythos, verfasst etwa 2500 Jahre nach der Entstehung des Kults.

 

Den Osiris-Kult selbst gab es sogar, bevor der Name dieses Gottes zum ersten Mal erwähnt wurde. Rituelle Bilddarstellungen, die später auf Osiris bezogen wurden, sind aus der 1. Dynastie erhalten. Die Beinamen und der Bezug zur heiligen Stadt Abydos entstammen einer Verschmelzung mit dem frühern Schakalgott Chentimentiu, „Erster derer im Westen". Erstmals in der 5. Dynastie (um 2350 v. Chr.) nachgewiesen, ist Osiris eine zentrale Figur in der Mythologie und wird mit dem berühmten Kultzentrum Heliopolis ("On" in der Bibel) in Verbindung gebracht.

 

Horus und Seth

   

Vom Thron einer
der zehn Sitzstatuen
des Königs Sesostris I
(12. Dynastie)

 

Als Mitglieder der "Ennead", der ersten neun Götter, waren Isis und Osiris zwei der fünf Kinder (mit Seth, Nephthys und Horus dem Älteren) von Nut, der Göttin des Himmels, und Geb, dem Gott der Erde. Als Gebs ältester Sohn wurde Osiris König der Erde und heiratete seine Schwester Isis, die er schon im Mutterschoß geliebt hatte. Sein Bruder Seth, mit der ungeliebten Nephthys verheiratet, begehrte den Thron und wollte ihn durch eine List erringen. In der klassischen Version heißt es, dass der ahnungslose Osiris auf einem großen Götterfest verraten wurde. Seth hatte ein bis dahin unbekanntes Gastgeschenk – einen Sarg – demjenigen versprochen, der hineinpasste. Mehrere Götter hätten das Geschenk gerne gehabt, aber der Sarg war nur für Osiris angefertigt worden. Als sich Osiris in den Sarg gelegt hatte, verschlossen ihn Seth und seine Verbündeten und warfen ihn in den Nil. Osiris ertrank, und der Tod kam in die Welt. Isis suchte und fand den Leichnam des ermordeten Gatten, aber Seth gelangte erneut in seinen Besitz und riss ihn in Stücke. Diese verteilte er über Ägypten; so konnte jede Provinz später eine Reliquie und einen Schrein für sich beanspruchen.

 

Mit Nephthys segelte Isis durch die Sümpfe oder flog in Vogelsgestalt darüber, um die verstreuten Leichenteile zu suchen und es gelang ihnen schließlich, gemeinsam mit Anubis, dem Gott der Mumifizierung, Osiris' Leichnam wieder zusammenzusetzen. Durch die Zauberkräfte der Isis wurde Osiris zum Leben erweckt und zeugte postum einen Sohn und Thronerben, Horus das Kind. Die Waise Horus wurde immer wieder von Seth und dessen Gefolgte angegriffen, aber durch Isis von allen Verletzungen geheilt. Das Bild des verwundeten Horus ist fixer Bestandteil von Heilssprüchen, die meist die Heilkräfte der Milch von Isis anrufen. Um Wirkung zu haben, müssen die Sprüche über der "Milch einer Frau, die einen Sohn geboren hat" hergesagt werden, eine Bedingung, von der westlichen Volksheilkunde übernommen und bis ins 14. Jahrhundert n. Chr. praktiziert.

 

In vielen Zweikämpfen und Mutproben, die in Literatur und Kunst festgehalten sind, kämpften Horus und Seth um den Thron des Osiris. Horus geht schließlich als Sieger hervor, Osiris ist gerächt. In einem dieser Zweikämpfe durchbohrt Horus den Seth, der die Gestalt eines wilden Flusspferdes oder Krokodils hat, mit einer Lanze. Dieser Zweikampf ist das Thema eines Schauspiels ("Das Schauspiel von Horus") am heiligen See des Ptolemaer-Tempfels in Edfu und dürfte das erste Beispiel für rituelles Theater gewesen sein.

 

Nach der Eroberung durch Alexander den Großen im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde Isis offiziell zur Schutzgöttin des ptolemäischen Ägypten; Tempel und Ikonographie des Osiris-Zyklus waren im gesamten Mittelmeerraum zu finden. Obwohl anfangs von Rom verboten, wurde der hellenisierte Mysterienkult um Isis von Caligula gutgeheißen und schnell zu einer großen religiösen Macht im Römischen Reich, mit beträchtlichem Einfluss auf zeitgenössische und späterer Kulte.

 

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